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Vera Kessler

Vera Kessler

Gesellschaftssatire

“Jede Lösung ist korrekt ausgeführt. Genau das ist das Problem.”

Eine Gemeinde will ihr Anmeldeformular vereinfachen — und produziert damit dreimal so viel Arbeit. Eine Krankenkasse schafft eine Bagatellgrenze ab, um gerechter zu werden — und behandelt plötzlich ein Pflaster wie eine Hüftoperation.

Willkommen bei Vera Kessler.

Ihre Gesellschaftssatiren beginnen mit einem vernünftigen Wunsch und einem Verfahren, das genau so funktioniert, wie es soll. Niemand ist inkompetent. Niemand handelt böswillig. Niemand macht einen Fehler. Und trotzdem wird aus einer kleinen Korrektur eine neue Zuständigkeit, aus der Zuständigkeit ein Präzedenzfall und aus der Lösung das nächste Problem.

Kessler schreibt über Systeme, die nicht daran scheitern, dass Menschen ihre Arbeit schlecht machen — sondern daran, dass alle sie richtig machen. Je absurder die Folgen werden, desto sachlicher bleiben ihre Figuren. Sie füllen das nächste Formular aus, halten die nächste Frist ein und versuchen, den Schaden ordentlich zu beheben.

Am Ende gibt es fast immer eine Lösung.

Meist ist sie der Grund, warum alles von vorne beginnt.

Vera Kessler ist ein Pseudonym — eine Stimme aus dem Autoren-Kollektiv von AIvory Books.

Was sie besonders macht

Kesslers Terrain ist der ganze Kontinent, aber ihr Ausgangspunkt ist immer derselbe: etwas völlig Banales. Eine falsch gebuchte Rückerstattung, die korrigiert werden soll. Eine Ausnahmebewilligung für einen Vereinsanlass. Eine Beschwerde über einen Parkplatz, die den vorgesehenen Weg durch drei Ämter nimmt. Ob Gemeindeverwaltung, kantonale Fachstelle, Versicherungsombudsstelle oder EU-Richtlinie: Kessler interessiert sich nicht dafür, wo ein Verfahren versagt. Sie interessiert sich dafür, wo ein Verfahren funktioniert — und was aus einem einzigen banalen Anliegen wird, wenn jede Stelle, die es berührt, ihre Arbeit ordentlich macht.

Ihre Hauptfiguren sind nie Zuschauerinnen. Sie sind der Grund, warum die Kette überhaupt losgeht. Jede von ihnen will etwas Vernünftiges, trägt es an die richtige Stelle und löst damit eine Reaktion aus, die sie selbst nicht mehr aufhalten kann — meist, weil ihre eigene nächste Reparatur die Kette verlängert statt sie zu beenden. Der Schaden trifft am Ende genau die Menschen, die sie eigentlich schützen wollte. Das ist keine Randbemerkung. Es ist der Punkt.

Ihre Sätze werden kürzer, je größer der Schaden wird. Kessler schreibt Formulare, Sitzungsprotokolle, Displays in Wartezimmern und automatisierte Bestätigungsmails, die nicht schmücken, sondern etwas verändern: eine Frist, einen Zugriff, eine Zuständigkeit. Niemand in ihren Texten kommentiert, wie absurd die Lage inzwischen ist — die nächste Sachbearbeiterin übernimmt einfach den Fall und macht weiter. Genau darin liegt der Witz, und genau darin liegt auch, warum man mit ihren Figuren lacht statt über sie: Jede von ihnen tut in jedem einzelnen Moment das Naheliegende.

Ihr Leben, wie sie es sich vorstellt

Kessler wuchs in Biel/Bienne auf, der einzigen offiziell zweisprachigen Stadt der Schweiz, in der jedes Formular zweimal existiert und jeder Beschluss zweimal übersetzt werden muss, bevor er gilt. Ihre Mutter arbeitete am Schalter der Einwohnerkontrolle, ihr Vater führte die Wartungspläne für die städtischen Aufzüge. Am Familientisch ging es selten um Politik. Es ging darum, warum ein Formular in der einen Sprachversion ein Feld mehr hatte als in der anderen, und was mit den Leuten passierte, die es falsch ausfüllten, weil sie die falsche Version erwischt hatten.

Sie studierte Betriebsökonomie mit Vertiefung Public Management an der Berner Fachhochschule. Ihre erste Stelle war die Ombudsstelle einer Krankenversicherung, wo sie Bagatellbeschwerden bearbeitete: falsch verbuchte Rechnungen, abgelehnte Kleinstbeträge, Anträge, die aus Versehen zweimal eingereicht worden waren. Sie war gut darin. Zu gut, wie sich zeigte — ihre Lösungsquote war so hoch, dass man sie in die interne Fachstelle für Verwaltungsvereinfachung eines Kantons abwarb, mit dem Auftrag, unnötige Prozessschritte in der Sozial-, Bau- und Bildungsverwaltung zu identifizieren und zu streichen.

Dort verbrachte sie neun Jahre. Sie strich Doppelspurigkeiten in der Ergänzungsleistungs-Abrechnung und beobachtete, wie die eingesparte Zeit an anderer Stelle als doppelte Prüfung wieder auftauchte. Sie vereinfachte ein Baubewilligungsverfahren und sah zu, wie die Vereinfachung eine neue Einspracheflut auslöste, die ein neues Formular brauchte. Jeden Herbst musste sie einen Wirkungsbericht schreiben, der mit dem Satz enden musste: „Keine unerwünschten Nebenwirkungen festgestellt.“ Ihre eigenen Fallakten sagten etwas anderes, aber Fallakten sind kein Berichtsformat.

Also fing sie an, die eigentliche Version nebenbei aufzuschreiben — zuerst nur für sich, dann für eine Kollegin, dann für mehr Leute, als ihr lieb war. Sie bemerkte, dass Fiktion das einzige Format war, in dem sie sagen durfte, was ihre eigenen Zahlen längst zeigten. Den Kanton verließ sie, den Aktenordner nahm sie mit — zu Recherchezwecken, wie sie sagt.

Heute lebt sie in Bern, mit gelegentlichen Arbeitsaufenthalten in Brüssel, wo sie sich EU-Richtlinien und deren nationale Umsetzungen ansieht, weil dieselbe Kette dort einfach eine Verwaltungsebene größer läuft. Auf ihrem Schreibtisch steht ein Ordner mit der Aufschrift „Formular 14b, laufend nummeriert“ — jeder neue Fall, den sie recherchiert, bekommt eine Nummer in derselben Reihe, in der einst ihre echten Akten geführt wurden. Sie sagt, das helfe ihr, den Überblick zu behalten. Es steht inzwischen bei Nummer 340.

Warum sie schreibt, was sie schreibt

Ich habe neun Jahre lang Prozesse verbessert, die danach besser funktionierten und trotzdem mehr Schaden anrichteten. Nicht, weil jemand geschlampt hat. Weil jeder einzelne Schritt korrekt war und die Summe der korrekten Schritte niemand geplant hatte. Meine Wirkungsberichte durften das nicht enthalten. Meine Romane dürfen es.

Ich schreibe über Menschen, die etwas völlig Vernünftiges wollen — eine Korrektur, eine Ausnahme, eine Klärung — und es an die zuständige Stelle tragen. Die Stelle macht ihre Arbeit richtig. Aus der richtigen Arbeit wird eine Nebenwirkung, aus der Behebung der Nebenwirkung die nächste, bis am Ende ein Zustand steht, für den sich niemand verantwortlich fühlt, weil jeder Einzelne nur seinen Teil erledigt hat. Das ist für mich keine Anklage. Es ist eine Beobachtung, die ich neun Jahre lang selbst produziert habe, bevor ich anfing, sie aufzuschreiben.

Es gibt in diesen Geschichten keine Bösewichte, weil ich in neun Jahren keinem einzigen begegnet bin. Es gibt nur Leute, die ihre Arbeit machen, und Formulare, die genau das tun, wofür sie gebaut wurden. Wenn das komisch ist — und ich finde, es ist komisch —, dann deshalb, weil jeder Schritt für sich genommen völlig einleuchtet und die Summe trotzdem niemand unterschreiben würde.

Ich mag meine Figuren. Auch die, die den nächsten Schaden auslösen, während sie den letzten reparieren. Besonders die. Sie tun, was ich selbst getan habe: das Naheliegende, fristgerecht, mit bestem Wissen. Ich schreibe auf, was danach passiert. Nummer 341 liegt schon auf meinem Schreibtisch.

Bücher von Vera Kessler

Verfügbare Bücher (1)