
Viktor Grahn
“Ich interessiere mich nicht für den Schrei. Ich interessiere mich für die zwanzig Minuten davor — in denen ein kluger Mensch noch versucht, eine Erklärung zu finden.”
Die Fenster rund um den Dorfbrunnen haben keine Vorhänge — die Rahmen sind zugemauert, und niemand sagt, warum. Dieser Slow-Burn-Gothic-Horror spielt in alpinem Nebel, Karpatenwäldern und baltischen Mooren. Seine Figuren lernt man zuerst lieben, bevor die Landschaft selbst zum Problem wird — ein Wald, der gestrige Wege verschluckt, ein Dorf, das freundlich lächelt und trotzdem schweigt. Die Schauplätze reichen vom Lötschental im Wallis über Karpatendörfer bis zu Schwarzwaldforsthäusern, wo Großväter warnen, man solle nachts nicht allein auf die Alp gehen, ohne je zu erklären, wovor genau. Das Schrecklichste steht immer im ruhigsten Satz.
Viktor Grahn ist ein Pseudonym — eine Stimme aus dem Autoren-Kollektiv von AIvory Books.
Was ihn besonders macht
Grahn glaubt, dass man eine Figur lieben muss, bevor man um sie fürchten kann. Seine Bücher nehmen sich Zeit — zwei, drei Kapitel, in denen eine Biologin ihren ersten Kaffee in einem Schwarzwald-Forsthaus trinkt und den Geruch von Harz durch das offene Fenster bemerkt, in denen ein Arzt 1923 mit dem Zug in ein Karpatendorf reist und die bewaldeten Kämme zum ersten Mal aus dem Nebel steigen sieht, in denen eine Familie an einem baltischen Moor ankommt und denkt: hier können wir neu anfangen. Diese Kapitel sind nicht die Ruhe vor dem Sturm. Sie sind der Grund, warum der Sturm wehtut. Grahn schreibt über intelligente, hartnäckige Menschen, die ihr Leben in den Griff bekommen wollen. Erst wenn der Leser mit ihnen am Tisch sitzt, zieht er den Boden weg.
Dann kippt es — und der Ort wird zum Problem. Grahns Landschaften sind keine Kulisse, vor der etwas Schlimmes passiert. Die Landschaft IST das Schlimme. Ein Alpental, das die Flucht blockiert. Nebel, der aus dem Boden steigt statt vom Himmel fällt. Ein Wald, der Wege verschluckt, die gestern noch da waren. Seine Dörfer funktionieren ähnlich: geschlossene Systeme aus Freundlichkeit und Schweigen, in denen die Nachbarin lächelt und der Wirt deinen Namen kennt, obwohl du ihn nicht genannt hast. Was Grahn interessiert, ist nicht das Monster hinter der Tür — es ist der Moment, in dem die Erklärungen aufhören zu funktionieren. In dem eine rationale Person merkt, dass der Kalender an der Wand den falschen Monat zeigt, und versteht, dass niemand das für einen Fehler hält.
Sein Leben, wie er es sich vorstellt
Grahn ist im Lötschental aufgewachsen, im Wallis, in einem Tal, das man nur über einen Pass oder durch einen Tunnel erreicht. Die Häuser standen zu nah beieinander. Die Leute sprachen zu wenig. Sein Großvater war Älpler, und das Einzige, was er über die Berge sagte, war: Man geht nicht nachts auf die Alp. Man geht nicht allein auf die Alp. Und man geht nicht auf die Alp, wenn es still wird. Er hat nie erklärt, was er mit still meinte.
Nach der Matura Bern, dann Wien — Germanistik und Europäische Ethnologie, die Wissenschaft von dem, was Gemeinschaften tun, wenn niemand zuschaut. Feldforschungsberichte über alpine Rituale, über Fastnachtsbräuche, die vor dem Christentum liegen, über Dörfer, die bestimmte Nächte nicht benennen. Dann Journalismus. In einem Ort im Wallis erzählte ihm eine Frau, dass der Brunnen im Dorfkern seit vier Generationen nicht mehr benutzt wurde. Nicht weil das Wasser schlecht war. Niemand konnte ihm sagen, warum. Aber niemand trank daraus. Am dritten Tag fiel ihm auf, dass die Fenster der Häuser um den Brunnen keine Vorhänge hatten. Nicht, weil die Bewohner sie abgenommen hätten. Die Rahmen waren zugemauert.
Er lebt in Thun, in einer Wohnung mit Blick auf den See. Er schreibt nachts. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Stück Gestein aus einem Stollen im Lötschental. Es ist kalt. Es bleibt kalt, auch wenn die Heizung läuft.
Warum er schreibt, was er schreibt
Ich halte Horror für das ehrlichste Genre, das es gibt. Jede andere Erzählform darf so tun, als sei die Welt im Grunde verständlich — als gäbe es für alles eine Erklärung, eine Ordnung, einen Grund. Horror sagt: Nein. Manche Dinge widersetzen sich dem Verstehen. Und die Frage, die mich antreibt, ist nicht, was im Dunkeln lauert. Es ist die Frage, warum wir so sicher sind, dass im Dunkeln nichts lauert. Woher kommt diese Zuversicht? Und was passiert, wenn sie bricht?
Das fasziniert mich an Menschen: ihre Hartnäckigkeit. Wie lange jemand an einer Erklärung festhält, obwohl die Fakten dagegen sprechen. Wie ein kluger Mensch vor einem unmöglichen Phänomen steht und sagt: es muss einen Grund geben, ich habe ihn nur noch nicht gefunden. Dieses Zerbröckeln der Rationalisierung — Satz für Satz, Kapitel für Kapitel — das ist der Kern meiner Bücher. Nicht der Schrei am Ende. Die halbe Stunde davor, in der jemand versucht, nicht zu schreien. Das ist kein Sadismus. Das ist Respekt vor der Figur. Weil die Weigerung, das Unmögliche zu akzeptieren, das Menschlichste ist, was ich kenne.
Ich schreibe über europäische Orte, weil ich hier aufgewachsen bin und weil dieser Kontinent alt ist auf eine Art, die man unterschätzt. Unter jedem Dorf liegt ein älteres Dorf. Unter jeder Tradition liegt eine ältere Tradition. Die Alpen, der Schwarzwald, die Karpaten, die baltischen Moore — das sind keine pittoresken Kulissen. Das sind Landschaften, die seit Jahrtausenden besiedelt werden und in denen Generationen von Menschen gelernt haben, über bestimmte Dinge zu schweigen. Dieses Schweigen interessiert mich mehr als jedes Monster. Ein ganzes Dorf, das weiß, warum man nicht aus dem Brunnen trinkt, aber es nicht ausspricht — das ist für mich Horror. Nicht das, was im Brunnen ist. Sondern dass alle es wissen und niemand es sagt.
Wer meine Bücher liest, kriegt keine Antworten. Aber er kriegt den Moment, in dem die richtige Frage zum ersten Mal im Raum steht — und alle im Raum so tun, als hätten sie sie nicht gehört. Diesen Moment zu schreiben, so dass der Leser ihn im Magen spürt: dafür stehe ich nachts auf.
Bücher von Viktor Grahn
Noch keine Bücher veröffentlicht.