Grenzübergang

Grenzübergang

Von Adrian Voss

Ein Name stimmt. Weitere folgen in Raten.

Am 2. November 1989 nennt ein Stasi-Generalmajor auf der gesperrten Glienicker Brücke einen einzigen Namen. Er gehört einem Oberregierungsrat der BND-Zentrale in Pullach. Lutz Henning, BND-Führungsoffizier in West-Berlin, prüft nach. Der Name stimmt.

Weitere Namen liefert der General, Konrad Wittek, in Raten. Dafür verlangt er unter anderem einen neuen Namen. Für wen, sagt er nicht. Pullach verbietet Henning jede Zusage und setzt eine Frist: Donnerstag, 9. November. Henning hält Wittek für einen Täter, der Straffreiheit sucht, und drückt den Preis.

Keiner der beiden ahnt: Der sowjetische Posten an der Brücke hat Witteks Dienstwagen notiert, und KGB-Oberst Gennadi Lasarew lässt Witteks Haus beobachten.

Die Geschichte hinter dem Buch

Angefangen hat dieses Buch mit einem Strich. Auf der Glienicker Brücke zog sich bis 1989 eine weiße Linie durch die Mitte, und wer sie überschritt, tat es nach einem Ritual. Die Austausche von 1962, 1985 und 1986 sind belegt, und alle waren abgesprochen, von einem Unterhändler vorbereitet und von beiden Seiten beobachtet. Was ich nicht gefunden habe, ist eine stille Übergabe ohne ihn. Genau dort setzt Grenzübergang an. Ich habe diese Übergabe erfunden, als Setzung, und ich gebe sie nirgends als belegtes Ereignis aus.

In meinen Büchern gibt es keine Rambos und keine klassischen Bösewichte. Jeden der drei Männer, die dieses Buch tragen, konnte ich verstehen. Den BND-Führungsoffizier, der einen Mann im Preis drückt, weil er ihn für einen Täter hält und weil er selbst nach oben will. Den Stasi-Generalmajor, der seine Namen in Raten hergibt und nicht sagt, wofür er den letzten verlangt. Den KGB-Oberst, der einem Apparat dient und ihn nicht loslässt. Verstehen heißt nicht billigen. Wer in diesem Buch handelt, handelt aus seiner Lage, und die Lage hat einen Preis.

Was Sie gewinnen, wenn Sie das lesen: sieben Tage, in denen jede Rate etwas verschiebt, wer wem trauen kann, und eine Frage, die mich bei jeder Recherche begleitet hat. Hätte ich an seiner Stelle anders entschieden? Auf den ersten Blick scheint das klar. Wenn man die Frist sieht, den Befehl, den Preis, wird es still. Ich verspreche Ihnen keinen Actionhelden, kein Spektakel und keine Seite, die am Ende recht behält. Ich verspreche eine Woche, die man versteht, auch wenn man sie nicht billigt.

Was Sie beim Lesen entdecken

Die Glienicker Brücke verbindet Berlin-Wannsee mit der Potsdamer Berliner Vorstadt. Sie ist 128 Meter lang und 22 Meter breit, ihre längste Stützweite misst 74 Meter. Im Kalten Krieg verlief die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik mitten auf ihr. Die beiden Brückenhälften waren unterschiedlich gestrichen, und eine weiße Linie markierte die Grenze in der Mitte.

Für den normalen Verkehr war die Brücke schon lange vor dem Mauerfall zu. Ab 1952 sperrten die DDR-Behörden sie für den privaten Autoverkehr, West-Berliner und Westdeutsche kamen nur mit Sondergenehmigung hinüber. Nach dem Mauerbau im August 1961 war sie auch für DDR-Bürger geschlossen; nur alliiertes Militär und ausländische Diplomaten durften sie jederzeit nutzen. Bewacht wurde sie von ostdeutschen Grenztruppen und von sowjetischen Kontrollkräften. Die Brücke gehörte nicht zu den von der DDR offiziell ausgewiesenen Grenzübergangsstellen.

Berühmt wurde sie durch die Agentenaustausche. Am 10. Februar 1962 wurde Rudolf Abel gegen Francis Gary Powers getauscht, Powers überquerte als Erster die Markierungslinie. Am 11. Juni 1985 gingen westliche Agenten zu Fuß über die Brücke, die östlichen Spione fuhren in Wagen vor und überquerten sie erst nach Ankunft der Westagenten. Am 11. Februar 1986 überquerte der Dissident Anatoli Schtscharanski die Brücke allein, erst dann folgten die Agenten. Alle belegten Austausche waren abgesprochen und durch einen Unterhändler vorbereitet, als Verhandlungsführer wird Wolfgang Vogel genannt. Eine stille Übergabe ohne Unterhändler oder Presse ist nicht belegt, sie ist die Erfindung dieses Romans.

Geöffnet wurde die Brücke für alle am 10. November 1989, einen Tag nach der Öffnung der Grenze in Berlin. Eine Weisung nannte 18 Uhr; nach einer Quelle gaben die Grenzer die Brücke etwa zwanzig Minuten früher frei.

Dass im Herbst 1989 nicht nur Menschen, sondern auch Akten bewegt wurden, ist ebenfalls belegt. Mielke, der Chef des Ministeriums für Staatssicherheit, befahl am 31. Oktober 1989 verstärkte Sicherung der Unterlagen, mit der Weisung vom 6. November begann die außerordentliche Vernichtung, und am 4. Dezember 1989 verfügte Wolfgang Schwanitz, inzwischen Leiter des umbenannten Amtes für Nationale Sicherheit, den Vernichtungsstopp. Die Daten der Auslandsaufklärungsdatenbank überlebten, weil Magnetbänder bei der Auflösung offenbar vergessen worden waren.

Institutionen, Orte, Daten und Zahlen sind recherchiert und belegt. Die Handlung, alle handelnden Personen und die Übergabe vom 2. November 1989 sind erfunden. Weder der Bundesnachrichtendienst noch eine andere Behörde hat an diesem Buch mitgewirkt oder Auskunft erteilt; gearbeitet wurde ausschließlich mit öffentlich zugänglichen Quellen.