
Alpsommer
Von Clara Beaumont
Ein Sommer, dreißig Jahre und eine Bitte.
Achtunddreißig Kühe traut sich Alpmeisterin Ladina Bezzola in ihrem letzten Sommer allein zu. Einen Menschen ums Bleiben zu bitten, traut sie sich nicht.
Am Tag des Alpaufzugs in den Bündner Bergen springt ihre Nachfolgerin ab. Am Abend steht Andri Gredig im Stall, der Tierarzt, den Ladina vor dreißig Jahren gehen ließ. Sie reicht ihm den Melkeimer, bevor sie Ja sagt. Bis morgen Mittag. Dann eine Woche. Dann bis zum ersten richtigen Gewitter.
Fristen statt Bitten, bis Ladina nach einer Gewitternacht mit ihm die Herde zählt und zum ersten Mal „wir“ sagt. Eine Bitte ist das noch nicht.
Im Tal wartet auf Andri eine Stelle in Ladinas Nähe, im Rheintal ein leeres Haus. Bis zum Alpabzug muss einer von beiden den Mut finden. Sonst verlieren sie einander ein zweites Mal.
Die Geschichte hinter dem Buch
Dieses Buch ist aus einem Satz entstanden, den ich nicht mehr losgeworden bin: Einen Menschen ums Bleiben zu bitten, traut sie sich nicht. Ladina ist Alpmeisterin, sie traut sich achtunddreißig Kühe und einen ganzen Sommer allein zu, und trotzdem fehlt ihr ein einziger Satz. Ich wollte wissen, was passiert, wenn jemand, der alles tragen kann, zum ersten Mal etwas braucht.
Andri steht als Tierarzt im Stall, und sie reicht ihm den Melkeimer, bevor sie Ja sagt. Aber sie bittet ihn nicht. Sie gibt ihm Fristen, bis morgen Mittag, eine Woche, bis zum ersten richtigen Gewitter. Das hat mich an Fristen fasziniert: Sie fühlen sich an wie Vorsicht und sind doch eine Form von Nähe. Wer eine Frist setzt, will, dass der andere morgen noch da ist.
Ich habe Ladina und Andri bewusst nicht in einen Neuanfang geschickt. Sie haben beide ihr Leben, und dieses Leben hat ihnen etwas beigebracht: dass man es nicht mit großen Worten festhält, sondern mit dem nächsten Handgriff. Auf der Alp entsteht Nähe beim Melken, beim Käsen, beim Zählen der Herde nach einer Gewitternacht. Erst später wird sie hörbar, und dann kostet jeder Satz etwas.
Was Sie gewinnen, wenn Sie das lesen: einen Sommer in den Bündner Bergen ohne Postkartenkitsch, Wärme und erwachsene Nähe ohne Ausmalerei, und die Frage, die bis zum Alpabzug offen bleibt. Was ich nicht verrate, ist die Antwort. Die verdienen sich die beiden auf der Seite.
Was Sie beim Lesen entdecken
Das Buch erzählt einen Alpsommer als Arbeit, nicht als Kulisse. Die Alp Pradatsch ist eine Gemeindealp: eine Sommerweide, die das Dorf gemeinsam betreibt und auf der Kühe verschiedener Bauern den Sommer verbringen. Die Alpmeisterin ist dabei ein Amt im Vorstand und zugleich die Verbindung zu den Bauern, die ihre Tiere heraufschicken. Gemolken wird früh und spät, dazwischen wird im Kessi Käse gemacht, und wer einmal gesehen hat, dass aus rund fünfzig Litern Milch etwa fünf Kilo Käse werden, sieht einen Alpkäse anders an.
Dazu der Rhythmus des Jahres. Der Alpaufzug im Mai oder Juni geht ohne Schmuck vor sich, weil er Arbeitsbeginn ist. Der Alpabzug im September ist das Fest: die Herde kommt geschmückt ins Tal, und das Dorf feiert mit. Zwischen beiden Tagen liegt ein Sommer, in dem ein Gewitter wichtiger sein kann als ein Kalender, ein Steinschlag einen Weg sperren kann und Wanderer vorbeikommen. Das Buch nimmt diese Dinge ernst, ohne ein Sachbuch zu sein.
Und dazu die Gegend. Der Roman spielt im Bündner Surses, dem Oberhalbstein, wo Surmiran gesprochen wird, die romanische Sprache der Region, und wo der Piz Platta über die Hochebenen ragt. Am Stammtisch im Tal wird über das gesprochen, was oben auf der Alp geschieht.
Es ist auch ein Buch über eine Lebenssituation, die viele kennen, ohne dass eine Alp im Spiel sein muss: Wer einen Menschen einmal hat gehen lassen, muss sich fragen, was er diesmal anders macht. Das Buch nimmt diese Frage ernst, statt sie kleiner zu machen.
Region, Berge und Hochebenen sind real; die Alp Pradatsch, die Wirtsleute und alle handelnden Personen sind erfunden.