
Bleib noch bis August
Von Clara Beaumont
Nichts mehr beweisen müssen — ausser einander.
Manche finden die Liebe früh. Hélène Marchand findet sie spät in Südfrankreich.
Hélène hat ihr Leben so eingerichtet, dass niemand für sie zuständig sein muss. Jeden Morgen schwimmt sie am Meerbad von Sète; dort hat sie nach dem Tod ihres Mannes wieder atmen gelernt.
Im Februar hängt am Tor des historischen Bades ein Aushang: Die Bains Bleus sollen einem Hotel weichen. Nur ein Gutachten kann das verhindern. Am gleichen Tag sitzt ein Fremder auf der Mauer und betrachtet den Bau wie ein Arzt einen Patienten.
Konrad, Bauingenieur aus Hamburg, will nur die Ferienwohnung seiner verstorbenen Frau auflösen. Hélène bittet ihn um sein Urteil. Er sagt ab — und steht drei Tage später doch vor dem historischen Bau.
Sie hält die Messlatte, er nennt die Zahlen. Es ist der erste Frühling seit Jahren, in dem keiner von beiden allein am Tisch sitzt. Er verlängert — immer wieder. Keiner sagt, warum.
Und keiner sagt, was er verschweigt. Bis August.
Die Geschichte hinter dem Buch
Fünf Jahre lang habe ich in einer Buchhandlung in Saint-Germain-des-Prés gestanden, und dort habe ich mehr über das Lesen gelernt als vorher an der Sorbonne. Frauen kamen herein und sagten: Ich suche etwas wie den letzten, nur besser. Was sie meinten, war nie Jugend um jeden Preis. Es war Wiedererkennbarkeit, Würde, Hoffnung und das Gefühl, dass ihre eigene Art zu lieben literaturwürdig ist. Dieses Buch ist meine ernsthafteste Antwort darauf: eine Kuratorin von siebenundsechzig und ein Bauingenieur von siebzig, beide mit einem ganzen Leben hinter sich, beide sehr gut in dem, was sie können, und keiner von beiden ein Trostpreis für den anderen.
Der Satz unter dem Cover verspricht Leichtigkeit, und ich möchte gleich hier sagen, was er verschweigt. Diese beiden müssen einander sehr wohl etwas beweisen, und es kostet sie. Sie braucht sein Urteil, um ihren Ort zu retten, und sein Urteil ist das Einzige, was sie ihm nicht abkaufen kann. Er wird für keine Frau der Welt eine Zahl ändern, und sie wollte keinen Mann, der es täte. Je näher sich die beiden kommen, desto teurer wird jeder ehrliche Satz, den einer dem anderen schuldet. Das ist kein bequemes Buch über zwei Leute, die endlich zur Ruhe kommen. Es ist ein Buch über zwei Leute, die etwas zurückhalten, und zwar beide aus einem Grund, den man verstehen kann.
Warum ich es geschrieben habe: Ich wollte einmal nicht die Frau am Strand erzählen, die aufs Meer schaut. Ich wollte zwei Fachleute an einem Bauwerk erzählen. Mich hat das Bild nicht mehr losgelassen, dass etwas heil aussehen kann und trotzdem von innen nicht mehr trägt. Das gilt in diesem Buch für ein Haus am Wasser, und es gilt für die Frau, die es retten will. Ich habe für diesen Roman gelernt, wie ein Gutachter das misst, weil ich wissen wollte, wie es sich anfühlt, wenn jemand mit einem Gerät an eine Wand geht und danach etwas weiss, das man selbst nicht wissen wollte.
Mein Handwerk ist der Dialog, und das ändert sich nicht, wenn die Figuren älter werden. Anziehung, Respekt und Vorsicht werden bei mir hörbar, lange bevor jemand sie ausspricht. Was Sie in diesem Buch also nicht finden: Alterskitsch, Alterswitz, simulierte Jugend, ein Bewunderungsgefälle in irgendeine Richtung, eine Riviera-Postkarte. Sète ist bei mir ein Arbeitsort mit Fischauktion, Markt und Baustellenstaub, keine Kulisse. Und Hélène ist nicht spät dran. Sie ist an der Reihe.
Was Sie gewinnen, wenn Sie das lesen: einen Frühling und einen Sommer, in denen zwei Menschen einander bei der Arbeit zusehen und dabei mehr voneinander erfahren als in jedem Geständnis. Eine Liebe, die beide etwas kostet, bevor sie sie behalten dürfen. Und ein Ende, das sich das Paar verdient hat — das verspreche ich Ihnen, weil ich Liebesromane schreibe und dieses Versprechen zum Genre gehört. Was ich Ihnen nicht verspreche, ist, dass es billig zu haben ist.
Was Sie beim Lesen entdecken
Chlorid aus Meerwasser greift die Bewehrung von Eisenbeton an, und der Schaden läuft unter einer Oberfläche, die man noch loben kann. Als Depassivierungsschwelle für Stahl in Stahlbeton gilt nach EN 206 ein Chloridgehalt über 0,4 Prozent bezogen auf die Zementmasse, bei Spannbeton strenger 0,2 Prozent. Ein Gutachter misst das nicht mit blossem Auge: Ein Pachometer bestimmt zerstörungsfrei Lage, Durchmesser und Betondeckung der Stäbe, eine Halbzellen-Potentialmessung mit Kupfer-Kupfersulfat-Elektrode wird über die Fläche kartiert, und unter minus 350 Millivolt gilt eine Korrosionswahrscheinlichkeit von über 90 Prozent. Die Karbonatisierungstiefe wird an der Grenze zwischen rosa und farblos gefärbtem Beton abgelesen und gegen die gemessene Deckung gestellt; der Chloridgehalt selbst kommt aus Bohrmehlproben in Tiefenstufen und wird im Labor bestimmt. Am stärksten angegriffen ist nicht der dauernd überflutete Teil eines Bauwerks, sondern die Wechselzone aus Wellenschlag und Austrocknung. Und eine Zahl, die viel erklärt: In Meeresumgebung liegt die Betondeckung nach Eurocode 2 je nach Zone bei etwa 20 bis 55 Millimetern, und zehn Millimeter mehr Deckung können die Nutzungsdauer von rund fünfzig auf rund hundert Jahre verdoppeln. Wer 1934 zehn Millimeter sparte, hat über das Jahr entschieden, in dem gestritten wird.
Sète, wo dieses Buch spielt, ist eine reale Hafen- und Fischereistadt im Hérault, zwischen dem Étang de Thau und dem Mittelmeer, am Fuss des 175 Meter hohen Mont Saint-Clair. Die Stadt geht auf ein Edikt Ludwigs XIV. zurück; der Baubeginn des Môle Saint-Louis fällt auf den 29. Juli 1666, und am selben Tag wurde die erste Joute ausgetragen. Dieses Wasserstechen, bei dem zwei Boote aufeinander zufahren und je ein Stecher auf einem erhöhten Stand steht, gehört seit 2012 zum immateriellen Kulturerbe und ist im August der Kern der Fête de la Saint-Louis. Der Alltag der Stadt hängt am Wasser: In der Criée im Quartier de la Marine laufen täglich bis zu vierzehn Trawler ein, über achtzig Fischarten gehen im absteigenden Auktionsverfahren weg, bis zu achthundert Kisten in der Stunde, und die Criée war 1967 die erste in Europa mit Computerisierung. In den Halles verkaufen über fünfundsiebzig Händler, mittwochs kommt ein grosser Freiluftmarkt dazu. Von November bis April ist das Meer hier kalt genug, dass nur bleibt, wer es wirklich will — ganzjähriges Schwimmen im Freiwasser gehört trotzdem zum Charakter dieser Stadt.
Ein Rechtsfakt, der im Buch alles in Gang setzt und den kaum jemand kennt: Für ein fest verankertes Gebäude auf dem öffentlichen Meeresgut ausserhalb der Häfen gilt nicht die Strandkonzession mit ihren zwölf Jahren und ihrer Pflicht zu abbaubaren Einrichtungen, sondern die Konzession zur Nutzung des öffentlichen Meeresguts mit einer Höchstdauer von dreissig Jahren — zwei getrennte Regime, und der Unterschied entscheidet darüber, ob eine Stadt ein Haus an ihrem eigenen Ufer behalten darf.
Dazu ein Blick ins Innenleben: was es mit einem Menschen macht, jahrelang die Person zu sein, ohne die es nicht geht. Wer für alle zuständig ist, muss sich selbst nie zeigen, und genau deshalb ist Unentbehrlichkeit ein so gut sitzender Panzer. Dieses Buch erzählt, was es kostet, ihn abzulegen — und dass man das, was man behalten will, meistens in seiner Form hergeben muss.
Orte, Daten, Messverfahren und Rechtsrahmen sind recherchiert und belegt. Das Meeresbad Les Bains Bleus, die Handlung und alle handelnden Personen dieses Romans sind erfunden.