Das Schweigen am Doubs

Das Schweigen am Doubs

Von Colette Morel – Christine-Duvet-Reihe

Jedes Geheimnis kommt ans Licht – auch nach dreihundert Jahren.

Saint-Ursanne feiert seine dreihundert Jahre alte Steinbrücke. Mitten in den Vorbereitungen stürzt Ortschronist Édouard Marchand die Treppe des Gemeindearchivs hinunter und stirbt. Ein Unglück, sagt die Stadt – alle mit demselben Satz, fast wortgleich. Journalistin Christine Duvet ist nur wegen der Brücke hier. Doch im Archiv fehlt die Mappe, auf die Marchands Notizen ständig verweisen, und je mehr Christine fragt, desto glatter werden die Antworten. Sogar der Polizist, den sie aus einem früheren Fall kennt, drängt sie: «Schreib über die Brücke.» Christine bleibt trotzdem – und riskiert den Ruf einer, die aus einem Unglück eine Geschichte macht, wo keine ist. In einer Stadt, die ihre Legende liebt, hört jemand sehr genau zu, wenn Christine fragt.

Der zweite Band der Christine-Duvet-Reihe.

Die Geschichte hinter dem Buch

Ich habe vier Jahre als Gerichtsreporterin in Lausanne und Genf gearbeitet, und was ich dort gelernt habe, steht seither in jedem meiner Bücher: Eine Pause nach einer Frage verrät mehr als die Antwort, die danach kommt. In Saint-Ursanne ist mir eine andere Form davon begegnet. Meine Welt reicht von Moutier aus tiefer in den Jura, an den Doubs, wo der Fluss und der Kalkstein die Zeit langsamer machen. Wer dort fragt, warum eine Stadt so stolz auf ihre Brücke ist, bekommt eine schöne Geschichte zu hören. Man bekommt sie von mehreren Leuten. Und man bekommt sie fast wortgleich. Das ist der Punkt, an dem ich anfange zu schreiben — nicht wenn einer lügt, sondern wenn alle dasselbe erzählen und niemand mehr weiss, wer es zuerst erzählt hat.

Was einmal in eine Chronik geschrieben wurde, steht dreihundert Jahre später auf dem Festbanner, im Prospekt und im Namen eines Hotels. Ein Ort, der von seiner eigenen Geschichte lebt, kann sich die Frage nach ihrer Richtigkeit irgendwann nicht mehr leisten. Genau dort beginnt dieser Fall, zwischen Regalen und altem Papier, mit einer Mappe, die nicht da ist, wo sie sein müsste.

Damit hier kein falsches Versprechen steht: Dass etwas ans Licht kommt, heisst in diesem Buch nicht, dass danach alles gut ist. Was vor dreihundert Jahren geschehen ist, lässt sich nicht mehr gutmachen, und niemand steht dafür noch vor Gericht. Für die Lebenden ist die Wahrheit kein Geschenk, sondern eine Rechnung — Christine muss am Ende entscheiden, was sie schreibt und was sie weglässt, und sie zahlt für beides. Es gibt hier ausserdem keine Verfolgungsjagd, kein Labor und keinen kaltblütigen Bösewicht. Der Tod ist der Anlass dieser Geschichte, nicht ihre Attraktion.

Was Sie gewinnen, wenn Sie das lesen: einen Fall, den Sie mitlösen können. Jeder Hinweis, den Christine findet, liegt vorher schon vor Ihnen — in einem Satz, den jemand nicht zu Ende sagt, in einem Namen, der in einer alten Liste fehlt, in einer Auskunft, die eine Spur zu hilfsbereit ist. Wer aufmerksam liest, ist vor der letzten Seite fertig. Wer es nicht schafft, ist trotzdem gut durch den Arc jurassien gekommen. Christine Duvet kennen manche Leserinnen und Leser schon aus Markttag; nötig ist das nicht, denn dieser Fall beginnt und endet in diesem Buch.

Was Sie beim Lesen entdecken

Die vierbogige Steinbrücke über den Doubs in Saint-Ursanne, der Pont de Saint-Jean-Népomucène, wurde 1728 begonnen und 1729 fertiggestellt. Sie ersetzte eine Holzbrücke aus den 1670er-Jahren, die nach jedem Hochwasser neu instand gestellt werden musste. Geweiht ist sie dem Brückenheiligen Johannes von Nepomuk, dessen Statue aus rotem Basler Sandstein in der Mitte der Brüstung steht — das Original liegt heute im Museum Lapidaire, auf der Brücke steht eine Kopie. Sie gilt als Kulturgut von nationaler Bedeutung und ist seit 1994, seit dem Bau der Umfahrungsstrasse, dem Langsamverkehr vorbehalten. Ihr dreihundertjähriges Jubiläum fällt real auf 2028 und 2029.

Gebaut wurde sie in unruhigen Jahren. Saint-Ursanne war eine Propstei im Fürstbistum Basel, und zwischen 1726 und 1740 erschütterten die sogenannten Troubles das ganze Fürstbistum: Fürstbischof Jean-Conrad de Reinach-Hirzbach zentralisierte ab Februar 1726 die Verwaltung, die Landbevölkerung in Erguël und in den Franches-Montagnes widersetzte sich, und erst französische Truppen stellten im April 1740 die Ordnung mit Gewalt wieder her. Die Anführer wurden hart verurteilt, Bürger und Kleriker zahlten schwere Bussen. Innerhalb der Stadt liefen die Fronten quer: Der Magistrat hielt zum Fürstbischof, während das Stiftskapitel im Januar 1731 von ebendiesem Fürstbischof beschuldigt wurde, die Rebellion zu nähren.

Und dann ist da eine Zahl, die bis heute niemand erklären kann. Im März 1730 sammelte der Fürstbischof Beiträge ein, um die Ordnung in den Freibergen wiederherzustellen. Delémont gab am 15. März 3000 Livres, Porrentruy am 18. März 1000 Livres — und die kleine Propsteistadt Saint-Ursanne am selben Tag 8000, das Achtfache von Porrentruy und mehr als das Doppelte der weitaus grösseren Nachbarstadt. Die drei Zahlungen sind im Archiv des ehemaligen Fürstbistums Basel in Porrentruy belegt. Woher eine Stadt dieser Grösse dieses Geld nahm, steht in den zugänglichen Quellen nicht.

Wer den Arc jurassien kennt, kennt noch ein zweites Erbe aus dieser Gegend: das Evangeliar von Saint-Ursanne, ein karolingisches Schwestermanuskript der Bibel von Moutier-Grandval, das heute in Porrentruy verwahrt wird.

Orte, Bauwerke, Daten und Zahlen sind recherchiert und belegt. Die Handlung, alle handelnden Personen und die Chronik, um die dieser Fall kreist, sind erfunden.

Weitere Bände der Reihe: Christine Duvet