
Markttag
Von Colette Morel – Christine-Duvet-Reihe
Warum stirbt jemand, den jeder mag?
In Moutier stellt man die Uhr nach Marcel Tschanz: Steht sein grüner Wagen offen, ist Freitag, kurz vor vier. Achtunddreissig Jahre stimmt das – bis er im Kühlraum seines Standes zusammenbricht und stirbt, mitten im Markttrubel, den er selbst getaktet hat.
Christine Duvet sitzt am Kiosk gegenüber und sieht, wie die Schlange vor seinem Stand stillsteht. Zurück in ihrer Heimatstadt, schreibt sie für die Regionalzeitung – und bleibt doch «die kleine Duvet», nie ganz dazugehörig. Sie war die Letzte, die mit ihm sprach, bevor er ging.
Ein Herzleiden erklärt seinen Tod. Eine Tochter, die zu ruhig bleibt, und ein Etikett, dessen Herkunft seit zwanzig Jahren nicht stimmt, erklären ihn nicht. Christine gräbt weiter, obwohl jede Frage jemanden kostet, den sie kennt. Wie weit geht sie für eine Geschichte, die die eigene Nachbarschaft entzweit?
Der erste Band der Christine-Duvet-Reihe.
Die Geschichte hinter dem Buch
Ich bin in Neuchâtel aufgewachsen, im Restaurant meiner Grossmutter an der Rue du Seyon: acht Tische, keine Karte, man ass, was Mémé Lucienne kochte. Dort habe ich zwei Dinge gelernt, von denen ich bis heute lebe. Essen ist eine Aussage. Und Schweigen am Tisch spricht lauter als jedes Geständnis. Heute wohne ich in Moutier und stehe samstags auf dem Markt, meist nicht zum Einkaufen, sondern zum Zuschauen: die Bäuerin, die den Preis für ihre Eier kennt und keinen Rappen nachlässt, der Affineur, der schweigt, wenn man nach dem besten Stück fragt, weil das beste Stück nie in der Auslage liegt.
Ein Marktstand ist der ehrlichste Ort einer Kleinstadt und zugleich ihr verschwiegenster. Was dort über die Theke geht, trägt einen Namen, und dieser Name ist ein Versprechen über Herkunft, über Tiere, Wege und Hände. Wer achtunddreissig Jahre am selben Platz steht, hat dieses Versprechen achtunddreissig Jahre lang gegeben. Ich wollte wissen, was mit einer Stadt passiert, wenn es einmal nicht gestimmt hat und der Mann, der es gegeben hat, nicht mehr gefragt werden kann.
Nach der Matura habe ich Recht studiert, nicht um Anwältin zu werden, sondern um zu verstehen, wie Schuld zugewiesen wird und warum das so selten gerecht geschieht. Danach vier Jahre Gerichtsreportage in Lausanne und Genf. Dort habe ich gelernt, was Christine Duvet in diesem Buch anwendet: dass eine Pause nach einer Frage mehr verrät als jede Antwort, und dass Menschen am meisten preisgeben, wenn sie am wenigsten sagen wollen. Christine ist Reporterin beim Lokalblatt, sie kennt in Moutier jeden beim Vornamen, und genau das ist ihr Zugang und ihr Preis zugleich: Jede Frage, die sie stellt, kostet sie jemanden, den sie kennt.
Damit hier keine falsche Erwartung entsteht. Die Frage unter dem Cover spitzt zu, das Buch tut es nicht. Es gibt hier kein Blut im Vordergrund, keine Obduktion, keine Verfolgungsjagd und keine Vernehmung, in der jemand zusammenbricht. Der Fall wird an Theken gelöst, an Küchentischen und auf einem Marktplatz, der erst um vier Uhr nachmittags beginnt. Das Buch beginnt langsam, weil eine Stadt Zeit braucht, bis man sie kennt. Und es endet nicht sauber: Am Schluss ist die Ordnung wieder bewohnbar, aber sie hat jemanden etwas gekostet, und das wird nicht weggeräumt. Wer Tempo und Eskalation sucht, ist bei mir falsch. Das sage ich lieber vorher als in einer Rezension.
Mein Vertrag mit Ihnen ist einfach: Jeder Hinweis, den Christine findet, liegt vorher auch vor Ihnen. Versteckt in dem, was jemand nicht sagt, in einem Etikett, in einem fehlenden Stempel, in einem Namen, der aus einem Artikel gestrichen wird. Wer aufmerksam liest, löst diesen Fall vor der letzten Seite. Wer es nicht schafft, war trotzdem eine Woche lang in einer Stadt, die es wirklich gibt. Markttag ist der erste Fall von Christine Duvet. Er steht für sich, er braucht kein Vorwissen, und er endet dort, wo ein Fall enden soll: in diesem Buch.
Was Sie beim Lesen entdecken
Schweizer Charcuterie ist geschützt, aber anders, als die meisten vermuten. Käse trägt hier das AOP-Siegel, Wurst und Trockenfleisch dagegen fast durchgehend das IGP-Siegel, die Indication Géographique Protégée. Der Jura hat damit sein bekanntestes Produkt: die Saucisse d'Ajoie IGP, seit 2002 im Bundesregister eingetragen. Ihre Spezifikation ist eng. Zwei Drittel Schweinefleisch, ein Drittel Speck, höchstens zehn Prozent Rindfleisch, Kümmelkörner. Und der Rohstoff muss aus der Schweiz stammen, von der Geburt über die Aufzucht bis zur Schlachtung. Geografisch gehört sie ausschliesslich in den Distrikt Pruntrut. Moutier liegt seit dem 1. Januar 2026 im selben Kanton Jura, aber im Distrikt Moutier, nicht in der Ajoie. Ein Name kann also im richtigen Kanton stehen und trotzdem falsch sein.
Der Fakt, an dem ich hängen geblieben bin, ist eine Lücke im Kleingedruckten. Für frisches Fleisch im Offenverkauf gilt in der Schweiz Schriftpflicht: Tierart und Herkunftsland müssen an der Theke angeschrieben sein. Für verarbeitete Wurstwaren, für Salami, Bratwurst, Saucisson, gilt diese schriftliche Herkunftsdeklaration nicht. Die Wurst ist damit ausgerechnet dort am wenigsten dokumentiert, wo der Kunde am meisten auf die Herkunft vertraut. Geschützt bleibt allein die Bezeichnung: Wer den IGP-Namen führt, muss die Spezifikation einhalten.
Dazu ein zweites Regelwerk, das im Buch mitläuft. Das revidierte Schweizer Erbrecht gilt seit dem 1. Januar 2023. Der Pflichtteil für Nachkommen ist seither auf die Hälfte des gesetzlichen Erbanteils gesunken, vorher waren es drei Viertel; frei verfügbar ist damit die Hälfte des Nachlasses. Ein Kind vollständig zu enterben, bleibt trotzdem ausgeschlossen, ausser bei den wenigen gesetzlichen Enterbungsgründen. Wer jemanden ausserhalb der Familie begünstigen will, kann also viel, aber nicht alles.
Dazu kommt Moutier selbst: eine Stadt, die zum 1. Januar 2026 nach jahrzehntelangem Streit und einer Abstimmung, die sie beinahe in zwei Hälften geteilt hat, vom Kanton Bern zum Kanton Jura gewechselt ist. Die Sprachgrenze läuft hier nicht über die Landkarte, sondern durch Familien, Vereine und die Frage, wer dazugehört. Und der Freitagsmarkt auf der Place Florentin Garraux beginnt erst um vier Uhr nachmittags, eine Kleinigkeit, die den ganzen Tag ordnet.
Ein Blick ins Innenleben zum Schluss: In einer Stadt dieser Grösse ist ein Familienname eine Währung. Er wird über Generationen aufgebaut, er verschafft Kredit ohne Papier, und er lässt sich nicht wie ein Konto aufteilen. Wer ihn erbt, erbt alles, was über die Jahre in ihn hineingelegt wurde.
Orte, Regeln, Daten und Abläufe sind recherchiert und belegt. Die Handlung und alle handelnden Personen dieses Romans sind erfunden.
