Die geliehenen Sätze

Die geliehenen Sätze

Von Lena Bergström

Eine geliehene Stimme. Ein bezahltes Schweigen.

Seit dem Studium schreibt Nadja Ott die Sätze, mit denen ihre beste Freundin Selin Arnet öffentlich glänzt. Niemand weiß davon. Bis Selin aus der eigenen Firma gedrängt wird – und ausgerechnet Nadja ein Angebot erhält: Sie soll für das neue Management weiterhin die Firmenmitteilungen schreiben. Das Honorar würde die Pflege ihrer Mutter sichern.

Nadja sagt zu. Und schweigt.

Als Selin in einem der Firmen-Posts plötzlich den vertrauten Stil erkennt, beginnt sie zu ahnen, dass man ihr nicht nur die Firma genommen hat. Sondern etwas, das sie für ihr Eigenstes hielt.

Zwei Frauen. Eine geliehene Stimme. Ein Verrat, für den es gute Gründe gibt. Und die Frage: Wie viel Wahrheit hält eine Freundschaft aus, wenn Schweigen bezahlt wird?

Die Geschichte hinter dem Buch

Meine Romane spielen sonst in Berlin, in Wien, manchmal in Hamburg. Diesmal bin ich nach Zürich gegangen, weil ich eine Frage brauchte, die sich in einer WG in Neukölln nicht stellt: Was passiert, wenn eine Freundschaft plötzlich einen Marktwert hat. Selin und Nadja kennen sich seit dem Studium. Die eine gründet eine Firma, die andere schreibt seit Jahren heimlich die Sätze, mit denen die Freundin öffentlich glänzt. Als Selin aus ihrer eigenen Firma gedrängt wird, bezahlt ausgerechnet der Verwaltungsrat Nadja dafür, dieselbe Stimme jetzt für die neue Führung weiterzuschreiben. Das Honorar würde die Pflege von Nadjas Mutter sichern. Sie sagt zu.

Ich wollte keinen Wirtschaftsroman schreiben und keinen Thriller. Mich hat interessiert, was mit einer Freundschaft passiert, wenn plötzlich Geld zwischen den Sätzen steht, die man füreinander schreibt. Das ist dieselbe Frage, die mich immer interessiert hat, nur diesmal ohne Liebesbeziehung als Ausweichmanöver: Was schuldet man einer Freundin, wenn das Schweigen besser bezahlt wird als die Wahrheit.

Wer dieses Buch liest, bekommt keine saubere Antwort. Meine Romane enden nicht rund, sie enden ehrlich. Aber wer je eine beste Freundin hatte, die mehr wusste, als sie sagte, wird sich in diesem Buch wiedererkennen.

Was Sie beim Lesen entdecken

Zwei reale Mechanismen tragen die Handlung, ohne dass der Roman sie erklärt. Der erste ist rechtlich: Nach Schweizer Aktienrecht kann ein Verwaltungsrat die Geschäftsführerin einer Firma allein absetzen, ohne die Generalversammlung einzuberufen — die Ernennung und Abberufung der operativen Führung ist eine unübertragbare Aufgabe des Verwaltungsrats (Art. 716a OR). Nur der Sitz im Verwaltungsrat selbst kann jemandem ausschliesslich durch die Generalversammlung entzogen werden. Genau diese Lücke zwischen operativer Macht und formalem Gremiensitz ist real, und sie erklärt, wie eine Gründerin über Nacht ihre Firma verlieren kann, ohne dass ein einziges Gesetz gebrochen wird.

Der zweite Mechanismus gehört zum Handwerk der Ghostwriterin. In der Schweiz verbleibt das Urheberrecht an einem Text grundsätzlich bei der Person, die ihn geschrieben hat, sofern kein Vertrag ausdrücklich etwas anderes regelt — anders als in Deutschland, wo Nutzungsrechte nach Bezahlung meist vollständig übergehen. Wer für eine andere Person schreibt, bleibt formal Autorin ihrer eigenen Worte, auch wenn sie sie nie unter eigenem Namen veröffentlicht. Die boomende Branche der LinkedIn-Ghostwriter:innen für Vorständ:innen und Gründer:innen im deutschsprachigen Raum kennt dafür eine feste Berufsnorm: Wer für jemanden schreibt, übernimmt nie dessen Zugang selbst — die Auftraggeberin behält die Kontrolle über den eigenen Kanal, die Ghostwriterin liefert nur den Text. Ein Bruch dieser Norm ist im echten Berufsalltag ein Vertrauensbruch mit Ansage, kein Kavaliersdelikt.