Eine saubere Lüge

Eine saubere Lüge

Von Nora Wyss

Makellos bleibt nur, wer sauber genug lügt.

Ein nächtlicher Sprung vom privaten Bootssteg am Starnberger See geht schief: Ein Freund taucht nicht wieder auf, die Gruppe zieht ihn bewusstlos aus dem Wasser, und noch bevor die Sirenen verstummen, hört Livia — die Makellose der Gruppe, siebzehn — sich selbst zum ersten Mal lügen.

Beste Noten, tadellose Fassade, eine Familie ohne Fehler: Genau diese Trainiertheit macht ihr die erste Lüge leicht — glatt, ruhig, überzeugend genug, dass niemand nachfragt.

Jede weitere Frage — Eltern, Schule, Jugendgerichtshilfe — verlangt eine noch sauberere Version als die davor, und wer zweifelt, gefährdet alle.

Auf dem Spiel steht für Livia mehr als der Ruf: Ihre älteste Freundin zählt jeden Widerspruch in Livias Version, und mit jeder Lüge löst sich zwischen den beiden etwas, das sich nicht zurückholen lässt.

Hält Livia durch, bis aus der Fassade die einzige Wahrheit wird, die noch zählt — oder bricht sie aus, bevor es so weit kommt?

Die Geschichte hinter dem Buch

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil mich eine Frage nicht mehr losgelassen hat, die kaum jemand stellt: Was passiert eigentlich mit einem Menschen, der gelobt wird, bis das Lob zur Bedingung wird? Über Jugendliche, die sich danebenbenehmen, ist alles gesagt. Über die, die nie auffallen, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, ist fast nichts gesagt. Livia ist so eine. Sie hat beste Noten, eine tadellose Fassade und eine Familie, in der Fehler nicht vorkommen, und sie hat gelernt, dass das ihr ganzer Wert ist. Dann geht an einem warmen Septemberabend etwas schief, und sie merkt in derselben Nacht, dass sie ausgezeichnet lügen kann. Ruhig. Freundlich. Überzeugend. Von da an ist die Frage nicht mehr, ob sie erwischt wird, sondern wie lange sie bereit ist, für das Bild zu bezahlen, das alle von ihr haben.

Bei mir zu Hause war Sprache nie Dekoration. Mein Vater hat als Sekundarlehrer Geschichte unterrichtet und seinen Schülern beigebracht, dass hinter jeder Jahreszahl ein Mensch steht, der eine Entscheidung getroffen hat. Meine Mutter war Logopädin und wusste, dass jemand, der die Worte nicht findet, sich selbst verliert. Aus diesen beiden Sätzen ist dieses Buch gebaut, denn Livia findet die Worte sofort, jedes Mal, und genau das ist ihr Problem. Und weil ich mit vierzehn zum ersten Mal einen Roman im Präsens gelesen habe und danach nicht über die Erzählerin las, sondern sie war, erzähle ich dir das im Ich und im Jetzt. Du sollst nicht danebenstehen. Du sollst oben auf dem Dach stehen und nach unten schauen, wo das Wasser schwarz ist und man den Grund nicht sieht.

Es spielt am Starnberger See, und das ist keine Postkarte. Es macht einen Unterschied, ob dein Abschluss Abitur heisst oder Matur, ob du samstags im Ruderclub sitzt oder irgendwo sonst, ob hinter deinem Garten ein Steg ins Wasser führt oder ein Zaun zur Strasse. Hier reichen die Villengärten bis ans Ufer, die S-Bahn nach München ist die einzige Fluchtlinie, und ein Fehler ist innerhalb eines Tages im Verein, im Freundeskreis der Eltern und im nächsten Zeugnis angekommen. Das ist der goldene Käfig, aus dem sechs Jugendliche mit heimlichen Mutproben ausbrechen wollen, und der Grund, warum sie nach dieser einen Nacht lieber lügen als zugeben.

Ich schreibe dir hier kein Buch darüber, wie man sich zu benehmen hat. Ich habe keine Checkliste und keinen erhobenen Zeigefinger, und ich weiss ehrlich gesagt selbst nicht, was ich mit siebzehn getan hätte, als da jemand im Wasser lag. Was ich behaupte, ist nur das eine: Eine gute Fassade hebt keine Folgen auf, und irgendwann wird die nächste Version teurer als die Wahrheit. Wann dieser Punkt erreicht ist und was er kostet, entscheidet dieses Buch nicht für dich.

Was du dafür bekommst: einen Herbst, in dem beinahe jede Woche eine neue Frage kommt und jede Antwort sauberer sein muss als die letzte. Eine Heldin, die du magst und der du gleichzeitig zurufen willst, dass sie aufhören soll. Und die Stelle, an der dir klar wird, dass du beim Lesen längst mitlügst. Ich verspreche dir kein Ende, in dem ein Erwachsener hereinkommt und die Sache richtet. Meine Bücher gehen mit Hoffnung aus, immer. Aber sie hat einen Preis, und du wirst sehen, wer ihn zahlt.

Was Sie beim Lesen entdecken

Das deutsche Jugendstrafrecht ist milder als das Erwachsenenstrafrecht, aber es ist kein Freibrief, und das überrascht die meisten. Strafrechtlich verantwortlich ist man ab dem vollendeten vierzehnten Lebensjahr, geregelt in Paragraf 19 des Strafgesetzbuchs. Eine Siebzehnjährige steht damit voll im Verfahren. Verhandelt wird vor einem Jugendgericht mit Jugendstaatsanwalt, Jugendrichter und Schöffen, und die Jugendgerichtshilfe schreibt einen Persönlichkeitsbericht über die soziale Situation der beschuldigten Person. Diese Stelle ist im Buch die eigentliche Kontrollinstanz: Sie ermittelt nicht wie die Polizei, sie schaut sich einen Menschen an. Paragraf 48 des Jugendgerichtsgesetzes schliesst die Öffentlichkeit von der Hauptverhandlung gegen Jugendliche aus. Ein Jugendverfahren läuft also nicht öffentlich, anders als ein Erwachsenenverfahren, und genau deshalb kann eine Familie am See wochenlang so tun, als sei nichts. Die Sanktionen stufen sich in drei Ebenen: Erziehungsmassregeln wie Weisungen, Zuchtmittel wie Verwarnung, Auflagen und Jugendarrest, und als schwerste Stufe die Jugendstrafe mit Freiheitsentzug. Wie lange so ein Verfahren dauert, lässt sich seriös nicht sagen: Eine jugendstrafrechtliche Statistik zur Verfahrensdauer gibt es nicht. Der einzige greifbare Anhaltspunkt ist die allgemeine Strafverfahrensdauer von durchschnittlich fünf Monaten, wobei gut neun von zehn Verfahren innerhalb eines Jahres abgeschlossen sind. Das ist ein Näherungswert für alle Strafverfahren, kein Beleg für Jugendverfahren im Besonderen.

Daneben läuft eine zweite, oft übersehene Frage: die zivilrechtliche Haftung, also wer den Schaden bezahlt. Paragraf 828 des Bürgerlichen Gesetzbuchs staffelt die Verantwortlichkeit nach Alter. Unter sieben Jahren haftet niemand. Zwischen sieben und zehn gibt es eine Sonderregel für Unfälle mit Fahrzeugen und Bahnen. Und bis zur Volljährigkeit haftet nicht, wem bei der schädigenden Handlung die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht fehlte. Das ist keine feste Altersgrenze, sondern eine Einzelfallprüfung, und eine siebzehnjährige Gymnasiastin wird diese Prüfung regelmässig nicht zu ihren Gunsten bestehen. Davon streng zu trennen ist Paragraf 832, der die Aufsichtspflicht der Eltern betrifft und der sich entkräften lässt, wenn die Aufsicht erfüllt war oder der Schaden auch bei gehöriger Aufsicht entstanden wäre. Zwei Paragrafen, zwei völlig verschiedene Fragen, und im Wohnzimmer einer betroffenen Familie werden sie regelmässig verwechselt.

Der Unfall im Buch ist kein erfundenes Risiko. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft führt Sprünge von Stegen und Ufermauern in unbekanntes oder bei Nacht nicht einsehbares Wasser als eine der häufigsten Ursachen schwerer Verletzungen an Seen. Der Grund ist immer derselbe: Die Wassertiefe wird falsch eingeschätzt, Untiefen, Steine und Pfähle sind nicht zu sehen. Alkohol in Kombination mit Dunkelheit benennt dieselbe Quelle ausdrücklich als doppelte Verschärfung, weil beides sowohl die Wahrscheinlichkeit der riskanten Handlung erhöht als auch Reaktionsvermögen und Tiefenwahrnehmung herabsetzt. Wer aus kaltem Wasser gezogen wird, ist ausserdem nicht automatisch gerettet. Die Rettungsgesellschaft unterscheidet drei Stadien der Unterkühlung, vom Abwehrstadium bei vierunddreissig bis siebenunddreissig Grad Körperkerntemperatur über das Erschöpfungsstadium unter vierunddreissig Grad bis zum Lähmungsstadium unter siebenundzwanzig Grad. Und es gibt den sogenannten Bergungstod, ein real dokumentiertes Phänomen, bei dem die Körperkerntemperatur nach der Rettung weiter absinkt und der Kreislauf versagt. Beschrieben wurde er erstmals nach dem Fastnet Race 1979. Dass in der Unfallnacht niemand von der Wasserrettung vor Ort ist, ist ebenso wenig erfunden: Der Wachbetrieb der Wasserrettung ist auf Tages- und Badezeiten ausgerichtet, eine reguläre Nachtpräsenz gibt es an den meisten Gewässern nicht. Am Starnberger See ist die Wasserwacht dem Bayerischen Roten Kreuz angegliedert und in mehreren Ortsgruppen entlang des Sees organisiert.

Zuletzt der Ort selbst, der mehr Widerspruch trägt, als sein Ruf vermuten lässt. Der Landkreis Starnberg gilt als der Landkreis mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Deutschlands, in der Grössenordnung von fünfunddreissigtausend bis achtunddreissigtausend Euro im Jahr, mit einer projizierten Kaufkraft von gut vierzigtausend Euro pro Kopf für 2025. Zugleich weist er eine Armutsquote von gut zwei Prozent und praktisch Vollbeschäftigung aus. Die Starnberger Tafel zitiert dazu einen Satz, der die Gegend besser beschreibt als jede Statistik: Tausend Euro im Bundesvergleich sind in Starnberg nur achthundert Euro Kaufkraft, wegen der Wohnkosten. Dieselbe Quelle benennt eine Schamschwelle, Hilfe überhaupt in Anspruch zu nehmen, wenn ringsum alle wohlhabend aussehen. Genau das ist der psychologische Boden dieses Romans. Praktisch ist der See dabei alles andere als abgeschieden: Die S-Bahn braucht von München Hauptbahnhof rund fünfundvierzig Minuten nach Tutzing, und zwischen Tutzing und Starnberg fährt sie seit Dezember 2022 durchgehend im Zwanzig-Minuten-Takt. Deshalb ist München im Buch immer erreichbar und nie weit genug weg.

Recht, Rettungswesen, Geografie und Wirtschaftsdaten sind recherchiert und belegt, mit den genannten Unsicherheiten. Die Handlung, alle handelnden Personen, das Gymnasium, der Ruderverein und der Bootssteg sind erfunden; kein realer Ort und keine reale Einrichtung wird mit diesem Fall in Verbindung gebracht.