
Herr Thalmann bringt Ordnung
Von Tom Brückner
Braucht man immer Regeln?
Werner Thalmann war 36 Jahre lang für Ordnung zuständig. Jetzt ist er pensioniert, verwitwet – und für niemanden mehr wichtig.
Auf der MS Perpetua, einem Wohn-Kreuzfahrtschiff ohne Heimathafen, findet der ehemalige Steuerbeamte schnell eine neue Aufgabe: Wo keine Regeln sind, müssen eben welche her.
Also schreibt Thalmann eine Hausordnung. Dann gründet er versehentlich einen Bewohnerrat. Und plötzlich benutzt die Betreiberfirma ausgerechnet seine Regeln, um höhere Gebühren durchzusetzen.
Nur Erna, seine scharfzüngige Kabinennachbarin, hat ihn von Anfang an gewarnt. Als einem Bewohner die Kündigung droht und Erna nicht mehr mit ihm spricht, muss Thalmann erkennen: Manchmal bringt man die Dinge nicht in Ordnung, indem man sie regelt.
Eine warmherzig-komische Geschichte über einen Mann, der wieder gebraucht werden will – und dabei Menschen findet, die wichtiger sind als jedes Amt.
Die Geschichte hinter dem Buch
Ich wollte einen Mann, der sein ganzes Berufsleben lang gebraucht wurde, weil er Formulare verstand, die sonst niemand verstehen wollte — und der an dem Tag, an dem ihn niemand mehr braucht, nicht aufhört, so einer zu sein. Werner Thalmann hört nicht auf, Ordnung zu wollen, nur weil ihn seine Tochter auf ein Schiff setzt, das keine kennt. Er schreibt eine Hausordnung. Natürlich tut er das. Alles andere wäre nicht er.
Das Komische daran ist nicht, dass er sich blamiert. Das Komische ist, dass er im Recht ist — und trotzdem allein dasteht damit. Ich mag Figuren, die gerade dort sie selbst bleiben, wo es leichter wäre, nachzugeben. Thalmann bleibt Thalmann. Das Buch bezahlt ihn dafür nicht mit einem Sieg, sondern mit Leuten, die er am Anfang nicht gewollt hätte.
Was Sie beim Lesen entdecken
Alles Wesentliche an der MS Perpetua ist erfunden — Schiff, Betreiberfirma, jede Person an Bord. Recherchiert ist die Branchenmechanik dahinter. Wer das Buch liest, nimmt auch das hier mit:
Wohn-Kreuzfahrtschiffe sind ein reales, wachsendes Geschäftsmodell. Das Vorbild der MS Perpetua ist die Villa Vie Odyssey — ein 1993 gebautes, 1993 als „Crown Dynasty" in Dienst gestelltes Schiff für 929 Passagiere, das nach mehreren Betreiberwechseln 2024 zum Dauerwohnschiff umgebaut wurde. Der reale Start verzögerte sich um Monate: Ruder- und Getriebeprobleme hielten die Bewohnerschaft wochenlang in Belfast fest. Wer eine Kabine kauft — ab rund 60.000 US-Dollar für fünf Jahre Eigentum —, zahlt trotzdem weiterhin eine monatliche Betreibergebühr von mindestens rund 2.000 US-Dollar. Besuch von Angehörigen ist auf 28 Tage im Jahr begrenzt, die Hälfte davon kostenpflichtig. Genau diese Mischung aus Verkaufsversprechen und Kleingedrucktem trägt die Betreiberfirma im Buch.
Ein Sachbearbeiter beim Kantonalen Steueramt Zürich prüft nicht einfach Lohnausweise. Die Abteilung Privatpersonen, in der Thalmann sein Berufsleben verbracht hat, veranlagt die komplexeren Fälle nicht erwerbender Personen, wertet Erbschaftssteuerfälle aus und bewertet nicht kotierte Wertpapiere — Verfahrenskompetenz für Einzelfälle, nicht Routine. Genau dieses Wissen ist es, das eine Betreiberfirma an Bord eher fürchten als schätzen lernt.
Der Steuerwohnsitz folgt nicht dem Wegzug. Nach ständiger Bundesgerichtspraxis (u. a. BGer 2C_114/2018) endet die Schweizer Steuerpflicht nicht schon dadurch, dass jemand die Wohnung kündigt und auswandert — es braucht einen nachweisbaren neuen Wohnsitz im Ausland. Ein Schiff ohne festen Hafen kennt einen solchen Wohnsitzstaat gar nicht erst. Ein Detail, das ausgerechnet Thalmanns altes Fachgebiet betrifft, ohne dass daraus ein Kriminalfall wird.
Bewohnerräte in Alters- und Pflegeeinrichtungen sind in der Schweiz keine gesetzliche Pflicht. Das reale Vorbild, das Alterszentrum Wengistein in Solothurn, führt seit rund drei Jahrzehnten einen gewählten Bewohnerrat mit rund zehn Mitgliedern, der sechsmal jährlich formal tagt — aus eigener Initiative der Institution, nicht aus gesetzlichem Zwang. Genau diese fehlende gesetzliche Grundlage ist es, die es einer Betreiberfirma erlaubt, eine selbstgegründete Bewohnerversammlung nachträglich für eigene Zwecke zu vereinnahmen.
Recherchiert, nicht erfunden: die Marktmechanik der Wohn-Kreuzfahrtschiffe, die Aufgaben der Steuerbehörde, das Bundesgerichtsurteil zum Steuerwohnsitz, das Vorbild Wengistein. Erfunden: Schiff, Firma, Ort, jede Figur und alles, was ihnen an Bord widerfährt.