
Tom Brückner
“Ich habe mich bloß gewehrt. Jetzt schulde ich der ganzen Straße was.”
Jemand klopft. Eigentlich will man nur seine Ruhe. Und plötzlich steht da ein Mensch, der etwas braucht, eine Regel nicht versteht oder einfach nicht wieder verschwindet.
So beginnen die Geschichten von Tom Brückner: mit Menschen, die ihr Leben im Griff haben — jedenfalls nach ihren eigenen Regeln. Sie wissen, wer zuständig ist, wie etwas richtig gemacht wird und warum man bestimmte Dinge seit zwanzig Jahren genau so macht. Dann kommt jemand, der sich nicht daran hält.
Brückners Figuren wehren sich. Hartnäckig, vernünftig und meistens mit den besten Argumenten. Und genau damit machen sie alles schlimmer.
Denn wer sich wehrt, gerät hinein. Aus einer kleinen Gefälligkeit wird eine Verpflichtung. Aus einer Verpflichtung wird jemand, auf den man plötzlich wartet. Und irgendwann merkt die Figur, dass sie längst für Menschen zuständig geworden ist, mit denen sie nie etwas zu tun haben wollte.
Tom Brückner schreibt tragikomische Romane über Nachbarn, Familien, Ämter, Vereine und all die kleinen Ordnungen, mit denen wir versuchen, das Leben übersichtlich zu halten. Man lacht über den Starrsinn seiner Figuren, bis man merkt, wie verständlich er ist. Man hofft, dass sie endlich nachgeben — und ist erleichtert, wenn sie es nicht ganz tun.
Am Ende ist die Welt nicht besser geworden. Das Amt ist noch immer das Amt, der Nachbar noch immer anstrengend und kein Problem löst sich nur deshalb, weil Menschen einander mögen.
Aber jemand würde fehlen, wenn er morgen nicht mehr da wäre.
Tom Brückner ist ein Pseudonym — eine Stimme aus dem Autoren-Kollektiv von AIvory Books.
Was ihn besonders macht
Brückner baut seine Romane aus einer sehr genauen Kollision: eine feste persönliche Ordnung auf der einen Seite, ein Mensch, der nicht darum gebeten hat und nicht wieder geht, auf der anderen. Seine Figuren wehren sich mit den besten Argumenten, und genau das Wehren zieht sie hinein — aus einer Gefälligkeit wird eine Verpflichtung, aus der Verpflichtung jemand, für den sie plötzlich zuständig sind. Brückners Figuren verteidigen ihre Zuständigkeit und werden dabei versehentlich für Menschen zuständig, für die sie es nie sein wollten.
Bekehrt werden sie dabei nie. Man lacht mit ihnen, nie über sie — über ihre Sturheit, ihre Prinzipientreue, ihren Starrsinn, aber nie auf ihre Kosten. Brückner nimmt seine Figuren zu ernst, um sie vorzuführen.
Aufrichtigkeit kommt bei ihm nie als Geständnis, sondern im Verhalten: Eine Figur hat behauptet, sie komme nicht — und steht am nächsten Morgen um sieben mit Werkzeug vor der Tür. Brückner erklärt nicht, was seine Figuren fühlen. Er lässt sie etwas tun, das sie vorher nicht getan hätten.
Sein Leben, wie er es sich vorstellt
Brückner ist in Köln aufgewachsen, in einem Reihenhaus in Sülz, das so beige war, dass man es auf Google Street View übersieht. Sein Vater war Beamter beim Finanzamt, Abteilung Einkommensteuer, natürliche Personen — ein Leben in Zuständigkeiten, Fristen und einem Ordner für jede Situation. Seine Mutter unterrichtete Deutsch und Ethik und schickt ihm bis heute WhatsApp-Nachrichten nach einem System, das nur sie versteht: ein Ausrufezeichen heißt gut gemacht, zwei heißen ruf mich an, drei heißen sie hat sich über etwas geärgert, das nichts mit ihm zu tun hat. Er hat sie einmal gebeten, das System aufzuschreiben. Sie fand das überflüssig — sie kenne es ja schließlich selbst. Das ist, im Kleinen, schon die ganze Maschine: Jemand hat eine feste Vorstellung von sich, und jemand anderes stört sie beharrlich, ohne es böse zu meinen.
Nach dem Abitur Germanistik und Soziologie in Münster. In einem Seminar über Goffman lernte er, dass das ganze Leben eine Aufführung ist — seitdem betrachtet er jeden Elternabend als Bühne, auf der jeder eine Rolle verteidigt, die ihm irgendwann wichtig geworden ist. Nebenjob in einer Buchhandlung, in der er beobachtete, wie hartnäckig Menschen an ihrer eigenen Bestellung festhalten, selbst wenn sie längst das falsche Buch in der Hand haben.
Dann Berlin. Kreuzberg, Altbau, vierter Stock ohne Aufzug, eine WG mit drei Menschen und einer Kaffeemaschine, die mehr Aufmerksamkeit bekam als alle Beziehungen zusammen. Er arbeitete als Texter und als Kolumnist für eine Stadtteilzeitung (Auflage: optimistisch) und lernte dort etwas, das ihn bis heute trägt: Ein Konflikt trägt erst dann, wenn beide Seiten im Recht sind — jede nach ihrer eigenen Ordnung.
Heute lebt er in Bern. Warum Bern? Weil es dort für jede Befindlichkeit eine Hausordnung gibt und für jede Hausordnung eine Nachbarin, die sie auswendig kennt. Die Nachbarin klopft nicht wegen des Lärms — sie schreibt einen Brief. Mit Absender, Datum und dem Hinweis, dass sie um 21:47 Uhr noch Schritte über sich gehört habe. Brückner hat sich gewehrt — mit einer Gegennotiz, in aller Höflichkeit, die inzwischen zu einem stehenden Austausch geworden ist, den keiner der beiden mehr beenden will. Den ersten Brief hat er gerahmt. Er hängt über seinem Schreibtisch, neben dem Bild seiner Mutter.
Warum er schreibt, was er schreibt
Ich schreibe, weil ich glaube, dass die meisten Menschen aus guten Gründen stur sind. Ihre Ordnung — eine Zuständigkeit, eine Gewohnheit, eine Rolle in der Familie — hat ihnen einmal etwas genützt, und sie geben sie nicht auf, nur weil jemand das für vernünftig hält.
Das ist mein Material. Die Bürgerämter. Die Elternabende, an denen erwachsene Menschen vierzig Minuten über die Farbe der Gardinen im Bastelraum diskutieren und dabei diplomatische Krisen auslösen. Die Vereinsvorstände, in denen jedes Mitglied irgendwann lernt, dass der Traktandenpunkt „Verschiedenes“ der gefährlichste der ganzen Tagesordnung ist. Die IKEA-Regale, die KALLAX heißen und genau so lange halten wie die Beziehung, die sie zusammengebaut hat. Menschen, die ihre kleine Zuständigkeit verteidigen, weil es das Einzige ist, das ihnen noch ganz allein gehört.
Manchmal, zwischen den Witzen, passiert etwas, das nicht mehr komisch ist. Eine Figur, die eine Bitte immer abgewiesen hat, sagt in einem Satz zu — und wechselt danach sofort das Thema. Genau diese Momente sind der Grund, warum ich schreibe. Alles andere — die Pointen, die Eskalationen, der Widerstand, der immer ein bisschen zu weit geht — ist die Eintrittskarte.
Der Leser soll mein Buch zuschlagen und lächeln. Aber er soll auch, irgendwo zwischen Seite 80 und 140, gemerkt haben, dass er eine Figur mag, über die er eigentlich hätte lachen sollen. Genau da liegt für mich der Punkt.

